Eine Kulturnation im Niedergang
oder: Osrandils kunterbunte Mischung
COOL-ER eingetroffen
13. Juli 2009 um 20:48 | In eBooks 7 KommentareUpdate: Blocksatz, PDF, PDF-Darstellung 1:1 doch möglich, Kunstlicht, Akku
Heute hat mich nach längerem Warten der COOL-ER eBook-Reader von Interead erreicht. In der Vergangenheit habe ich ziemlich viele Reviews über dieses Gerät gelesen, und es wurde wieder einmal deutlich, wie wenig Sinn oftmals diese vermeindlich objektiven Testberichte machen. Wie man ein Gerät bewertet, hängt nun einmal sehr von den Erwartungen, dem Nutzungsprofil, dem Geldbeutel und tausend anderen Aspekten ab – und die sind bei jedem Menschen anders. Ich werde mich deshalb zunächst kurz fassen, diesen Artikel bei neueren Erkenntnissen ergänzen und hoffe auch auf eure Kommentare und Fragen, die ich dann im Rahmen meiner Möglichkeiten beantworten werde.

Hardware
Das Gerät wirkt durch das Plastik tendenziell billig. Wohlwollend könnte man es auch positiv formulieren: Keine Ehrfurcht vor vielen Knöpfen, keine Angst, aus Unachtsamkeit etwas an dem hochtechnischen Gerät kaputt zu machen, kann die Freude trüben, man akzeptiert das leichte und handliche Gerät sofort als Alltagsgegenstand.
Das Display ist unter den Lichtverhältnissen, unter denen man auch ein Papierbuch lesen könnte, sehr brauchbar. Unter Kunstlicht glänzt es konstruktionsbedingt etwas, aber keinesfalls schlimmer als Hochglanzpapier. Unter Sonnenlicht ist die Anzeige sehr eindrucksvoll. eInk-Geräte geben kein Licht ab, weshalb sie über längere Zeit sehr augenfreundlich zu lesen sind und dabei kaum Energie verbrauchen, bei Dämmerlicht braucht man aber eine Lichtquelle – genau wie bei einem Buch. Mit einer 40 Watt-Birne kann man abends im Bett jedoch gut lesen, ohne bemüht Reflektionen bekämpfen zu müssen, und der Kontrast ist auch vollkommen ausreichend.
Beim Seitenwechsel kommt es zu dem für eInk-Geräte typischen “Schwarzblitz”. Auch wenn das beim ersten Mal unangenehm auffällt, so habe ich mich sehr schnell daran gewöhnt. In den Menüs wandert die Markierung nicht blitzschnell, aber in ausreichendem Tempo.
Über die “knackigen” Tasten wurde schon viel berichtet. Sie knacken tatsächlich, fallen zumindest anfänglich auf. Mich selbst stört das Geräusch nicht, und im Zug würde es garantiert auch nicht unangenehm auffallen. So richtig im Unterbewussten ist das Blättern noch nicht bei mir angekommen, aber wahrscheinlich kommt das mit der Zeit. Noch bin ich jedenfalls häufiger ganz bewusst dabei, die beste Daumenstellung zu finden.
Ich werde die Audio-Funktionen nie benutzen, trotzdem kann ich mich über ein Detail maßlos und immer wieder neu tierisch aufregen, und das ist der 2,5mm-Klinkenstecker für den Kopfhörer. Was ist so toll an dieser Buchse, dass ich nahezu jeden Nutzer dieses Features zwinge, einen (beiliegenden) Adapter zu verwenden? Für mich ist das ein Zeichen dafür, welchen Stellenwert Kundenbedürfnisse beim Hersteller haben.
Im Gegensatz zu dem Audio-Anschluss, den ich getrost ignorieren kann, ist ein Ärgernis von handfesterer Natur: Das Display liegt einige Millimeter tief im Gehäuse, weshalb bei schrägem Lichteinfall schnell ein Schatten auf Teile des Displays fällt. Das ist keine wirkliche Katastrophe, aber schon ärgerlich, denn das Display selbst ist ja gerade auf fremdes Licht angewiesen und dabei sehr genügsam.
Der Akku lässt sich selbst austauschen, allerdings handelt es sich nicht um einen Akku eines bekannten Mobilfunkgeräteherstellers. Solange Interead keine Ersatzakkus anbietet, ist der Tausch wohl nur für Bastler eine Option.
Software
Die Software erfüllt ihren Zweck – oftmals nur so gerade eben, nicht selten auch mangelhaft.
Angenehm ist, dass man ohne Installation zusätzlicher Software den Reader wie einen USB-Stick mit Dokumenten beschicken kann, die man auch in Verzeichnissen sortieren kann.
ePUBs lesen sich sehr gut mit dem Gerät. Adobe Digital Edition ist weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber es funktioniert gut und hat eine weite Verbreitung, weshalb ePUBs oftmals mit dieser Software getestet wurden. Die Texte erscheinen im Blocksatz, sofern nicht im Dokument explizit anders verlangt – ältere Versionen der Software beherrschten nur linksbündigen Flattersatz.
Die zwei PDFs, die ich probiert habe, waren eine Zumutung. Der Text wurde neu umgebrochen, das Ergebnis aus wildestem Flattersatz in einer seltsamen Schrift und zumeist falsch dargestellten Umlauten und sich zum Teil überlagernden Worten gehört in eine typographische Freak-Show, taugt aber kaum zum Lesen einer einzigen Seite. Teile des Textes scheinen willkürlich in einer angenehmeren Times-ähnlichen Schrift angezeigt zu werden. Andere Dokumente mögen bessere Ergebnisse liefern, aber das erfährt man scheinbar nur durch ausprobieren. Immerhin hat man die Möglichkeit, die PDF-Seiten ohne Reflow im Original zu betrachten, indem man (wenig intuitiv) die kleinste Schriftgröße aktiviert. Das hilft natürlich nur bei kleinformatigen Seiten, ein DIN A4-Dokument auf COOL-ER-Maße geschrumpft ist nur mit viel Glück noch lesbar.
PRC/Mobi funktioniert. Nach meinem bescheidenen Test sogar recht gut, allerdings fehlen der zunächst verwendeten Schrift scheinbar ein paar Zeichen, zumindest das öffnende doppelte Anführungszeichen. Nach einer Umstellung auf eine andere Schrift war das Ergebnis durchaus brauchbar.
HTML muss man erst einmal auf dem COOL-ER angucken wollen, schließlich sind ja HTML-Seite meist recht kurz und auf einem Rutsch zu lesen. Aber ich habe es ausprobiert. Zwar schafft der COOL-ER es, Bilder in eine Seite einzufügen, also andere Dateien nachzuladen, von dem Layout der Seite war aber nichts erhalten geblieben. Selbst Überschriften waren durch keine besondere Formatierung erkennbar, und viele sichtbare aber exotische Tags wie “
Insgesamt bietet die Firmware noch viel Potential für Verbesserungen. So wird der Bildschirm im Querformat so gedreht, dass das Steuerkreuz zum Blättern unten links liegt. Läge es oben rechts, könnte man den Reader mit der ganzen Hand umfassen, so muss man ihn zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt halten. Die wohl kaum genutzten Lautstärke-Tasten könnte man zum Umschalten der Schriftgröße verwenden. Der Größenunterschied zwischen deer kleinsten und der zweitkleinsten Schrift ist meiner Ansicht nach viel zu groß. Die deutsche Übersetzung ist nicht ganz vollständig.
Bitte stellt Fragen in den Kommentaren, damit ich diesen Artikel entsprechend ergänzen kann.
7 Kommentare »
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Was war denn deine Einstellung bei den PDFs? Waren das etwa A4 PDFs? Normalerweise kann ADEPT mit PDFs recht gut. Sind die ePubs im Blocksatz?
Kommentar von MtravellerH — 13 Jul 2009
Vielen Dank für den Bericht! Unterstützt die verwendete Version der mobilen Adobe Reader SDK im Gegensatz zu den Sony-Geräten Blocksatz in den ePubs?
Kommentar von netseeker — 13 Jul 2009
Ein PDF war ein von mir in LaTeX erstelltes Dokument, quadratisch 19×19. Das andere ein eingescanntes Taschenbuch, das ich “noch hatte”. Dummerweise interpretiert und reflowed der COOL-ER scheinbar grundsätzlich, oder ich bin zu doof.
Selbst kleine PDF-Seiten scheint man nicht einfach unverändert wie ein Bild anzeigen zu können.1:1-Ansicht von PDF ist möglich, allerdings kein Zoomen und Scrollen – oder ich finde die Knöpfe nicht.EPUB ist in Blocksatz.
Kommentar von Hajo — 13 Jul 2009
Ja, Blocksatz funktioniert. Für ePUBs scheint das Gerät sehr gut zu sein. Dafür habe ich es auch gekauft. Alles andere eher enttäuschend, aber hauptsächlich im Software-Bereich. Theoretisch könnte sich das also alles noch ändern.
Und Sodukuh roxx!
Kommentar von Hajo — 13 Jul 2009
Ich habe ebenfalls das Gerät und habe bemerkt, dass wenn man sich *.txt Dateien anschaut die Schriftgrößenverteilung deutlich besser ist. Sprich von der Kleinsten zur Zweitkleinsten ist der Schritt nicht mehr so Groß.
Das ist auch das einzige Format in dem ich etwas von den einstellbaren Fonts hatte (wobei ich dazu sagen muss, dass ich bis jetzt nur pdf, epub, txt und html getestet habe)
Kommentar von Stefan D. — 3 Aug 2009
Hat schon jemand Erfahrungen mit neuen Software-Versionen gemacht? Es gibt sie ja wohl schon, leider ist die Anleitung bisher nur in English. Stimme der detailgetreuen obigen Beschreibung total zu, für mich war das geringe Gewicht ausschlaggebend.
Kommentar von Barbara V. — 30 Jun 2010
Die Firmware 1.12.10-1 hat für mich zwei entscheidende Vorteile gebracht: Die Schriftgrößen sind jetzt wirklich akzeptabel – man hat nicht mehr nur die Wahl zwischen zu klein und zu groß – und zur Änderung der Schriftgröße kann man die -/+-Tasten am rechten Rand verwenden. Ob es andere tolle Verbesserungen gibt, kann ich nicht sagen, da ich nur ePUB lese.
Kommentar von Hajo — 4 Jul 2010